Der alte und neue Salonwagen 900-461/900-457

Jürgen Steimecke    Ja, wo genau soll man bei solch einem umfassenden Bericht anfangen? Vergessen soll und darf man nichts, zuviel Arbeit steckt in solch einer Aktion, und doch muss man versuchen, sich auf das Wichtigste zu konzentrieren.

Nach vielerlei Recherchen unter den Eisenbahnfreunden, unter dem Motto: "Wer weiß etwas, wo ist von den zur Zeit nicht mehr vorhandenen Eisenbahnfahrzeugen der Harzer Schmalspurbahnen doch noch etwas vorhanden bzw. zu retten?" begann eine Suche nach angeblich nicht mehr Vorhandenem. Die einst in den 60er Jahren abgegebenen Fahrzeuge (Personen- wie auch Güterwagen) der Harzquerbahn galten als längst verschrottet. Viele Tipps und Anregungen fanden Gehör und wurden notiert.

Die beiden wohl spektakulärsten Hinweise über das Wiederauffinden der Wagenkästen von den Personenwagen 900-461 und 900-457 erhielten wir im Jahre 1999. Eisenbahnfreunde aus Leipzig und Potsdam deuteten in enger Zusammenarbeit den aufgefundenen Wagenkasten eines schmalspurigen Personenwagens bei Kakau, in der Nähe von Dessau, als einen typischen Vertreter von NWE-Wagen mit der ehemaligen Deutschen Reichsbahn-Nummer 900-457. Ihren Fund teilten sie noch im Ok-tober/November 1999 den Vereinsmitgliedern der IG Harzer Schmalspurbahnen e.V. mit.

Dieser Wagen war 1899 von der Hannoverschen Waggonfabrik gebaut worden. Er verfügte damals über je ein Abteil 2. und 3. Klasse (NWE-Nr. BC 63). Schon bald wurde er in einen reinen 3. Klasse-Wagen umgebaut (NWE-Nr. C 63). Der Wagen wurde bis 1965 eingesetzt, sein Kasten 1967 verkauft.

Am 04.12.1999 fuhren in Absprache mit dem Vereinsvorsitzenden der IG Harzer Schmalspurbahnen e.V. drei Vereinsmitglieder nach Kakau und besichtigten den Wagenkasten. Auf Nachfrage im Dorf wurde auch der derzeitige Eigentümer des Wagenkastens ausfindig gemacht. Schnell wurde hier die Frage nach einer möglichen Rückkehr (Eigenbedarf bestand nicht mehr.) in den Harz geregelt. Zum Erstaunen aller Beteiligten wurden uns sogar die noch original erhaltenen Verkaufspapiere von der Deutschen Reichsbahn mit übergeben.

Zurück in Wernigerode wurde das Thema der Rückholung des Wagenkastens vom Personenwagen 900-457 mit dem IG-Vorstand ausgiebig besprochen. Mit dem Schmalspurpersonenwagen KBi 900-485 hatte unser Verein schon einen Personenwagen in Blankenburg zur Aufarbeitung. Durch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der Bundesagentur für Arbeit (Halberstadt) in Blankenburg durch den Verein Brücke e.V. wurde dieser Wagen restauriert.

Da nach den Güterwagen auch diese Maßnahme, welche unser Verein dort durchführte, sehr gut verlief, wurde die Bergung des Wagenkastens vom 900-457 auf den 18.03.2000 gelegt. Mit Kranwagen, Tieflader und einigen Pkw im Konvoi ging die Bergung zügig voran.

Fast zeitgleich, in Anbetracht der bevorstehenden Feiertage im Dezember 1999, wo jeder Bürger etwas länger in die Zeitung schaut, wurde in der Volksstimme eine Anzeige geschaltet mit der Bitte um Informationen über das Vorhandensein ehemaliger Eisenbahnwagen, die irgendwo in Gärten, in der Feld- bzw. Waldflur abgestellt sein könnten.

Zu Weihnachten, genau am 25.12.1999, klingelte das Telefon. Ein Hobbygeologe wusste von Überresten eines Eisenbahnfahrzeuges zu berichten, welche sich beim Steinbruch Hornberg hinter einer Abraumhalde befänden. Schnell wurde der Termin für eine erste Besichtigung auf den 27.12.1999 vormittags festgelegt. Wir kämpften uns durch Neuschnee - fast einen halben Meter hoch - unwegsames Gelände, quer durch den Steinbruch Hornberg bei Elbingerode, über die Gesteinshalden hinweg zu einem Punkt, der vor ca. 25 - 30 Jahren durch Neuanpflanzungen (Wald) renaturiert wurde.

Da stand er, der Wagenkasten, das soll heißen, das, was von ihm noch übrig war. Der Torso von etwas, was es schon gar nicht mehr gab. Gepäckraufen, Heizungsrohre, Teile der Zugvorrichtung lagen im näheren Umfeld im Wald zerstreut. Doch die Freude war groß, die Wagennummer der Deutschen Reichsbahn 900-461 sowie die vorherige Nummer der Deutschen Reichsbahn 10.185 waren noch deutlich zu lesen. Der Wagen wurde im Jahr 1900 von der Hannoverschen Waggonfabrik gebaut und verfügte anfangs über je ein Abteil 2. und 3. Klasse (NWE-Nr. BC 88). Schon 1905 wurde dieser Wagen dann zum Salonwagen umgebaut, nach dem 2. Weltkrieg (1948) erfolgte dann wieder ein Umbau zum Wagen 3. Klasse. Nach der Ausmusterung im Jahr 1967 wurde der Wagenkasten als Unterstand auf einem Schießplatz am Hornberg weiterverwendet.

Jetzt hieß es wieder, Kontakt zum Vorstand der IG Harzer Schmalspurbahnen e.V. aufnehmen und vom neuen, erfreulichen Fund in der Nähe zu berichten. Wieder wurde der Vereinsvorstand bemüht, und wieder wurde unserer kleinen aktiven Gruppe gesagt: "Macht mal!". Jetzt wurden offizielle Kontakte zum Steinbruch Hornberg gesucht, um alles Notwendige für eine Bergung in die Wege zu leiten.

Mit freundlicher Unterstützung der Steinbruchbetreiber konnte am 28.04.2000 die Bergung und der Abtransport nach Blankenburg zum Brücke e.V. erfolgen. Ob auch dieser Wagen aufgearbeitet werden konnte, war zunächst unklar...




Foto (Jürgen Steimecke): Über 30 Jahre stand der Wagenkasten des 900-461 an einem Waldrand im Steinbruch Hornberg, zuletzt war nur noch ein trauriger Rest übrig. Mit tatkräftiger Hilfe der Fels-Werke wurde der Torso geborgen.

Nach Klärung der finanziellen Möglichkeiten sowie der Chancen für eine AB-Maßnahme wurde klar, daß es auch für die im Hornberg gefundenen Reste des Wagens 900-461 eine Zukunft gibt. Aufgrund ihres bedauerlichen Zustandes entschied sich der IG-Vorstand zu einem kleinen, aber notwendigen Kunstgriff. Der schon im Bau befindliche neue Wagenkasten für den KB4i 900-457 wurde für den recht desolaten KB4i 900-461 genutzt. Dieser Wagen entstand nun im Zustand eines 3. Klasse-Wagens mit Holzbänken (ungefährer Stand der Ausstattung ab 1950, mit Toilette und Oberlicht) wieder. Da die Arbeiten am KB4i 900-461 schon weit fortgeschritten waren, sollte der noch aufzuarbeitende KB4i 900-457 nun als Salonwagen erstehen. Viele Absprachen wurden im größeren und kleineren Rahmen getroffen, gab es doch bisher kein Vorbild für unseren neuen (heutigen) Salonwagen. Rückblickend ist festzustellen, daß die Entscheidung, einem historischen Aufbau gegenüber einem modernen den Vorrang zu geben, die richtige war. Lange wurde diskutiert über Farbgebung, Polsterung, Anordnung der Sitze, Beleuchtung - die gesamte Innenausstattung musste neu entworfen werden. Ja, er ist neu, der Salonwagen 900-457, er hatte so in dieser Form auch noch keinen gleichwertigen Vorgänger.

Vieles musste improvisiert werden, und so manche Vorarbeit wurde von eben auf gleich zunichte gemacht. Unter den kritischen Blicken der Vereinsmitglieder erfolgten viele der notwendigen Ände-rungen beim Komplettieren des Fahrzeuges in Blankenburg.





Foto (Jürgen Steimecke): Schritt für Schritt entsteht in Blankenburg der restaurierte Wagen. Speziell die Innenaus-stattung bereitete viel Kopfzerbrechen und erforderte viele Beratungen "vor Ort".

Am 20.08.2004 war es dann soweit. Der neue Salonwagen 900-457 wurde vom Brücke e.V. in Blankenburg nach Wernigerode zur Harzer Schmalspurbahn überführt, wo er durch Vertreter der Interessengemeinschaft Harzer Schmalspurbahnen e.V. in Empfang genommen wurde.

Nach einigen Restarbeiten, welche durch die Mitglieder der Interessengemeinschaft Harzer Schmal-spurbahnen e.V. eigenverantwortlich erledigt wurden, wurde der Salonwagen am Montag, 08.11.2004, durch den Landesbevollmächtigten für Bahnaufsicht beim Eisenbahn-Bundesamt (LfB) bahntechnisch abgenommen.

Nach 37 Jahren Zwangspause - am 15.04.1967 erfolgte die Ausmusterung - erfolgt nun der Wiederein-satz als neuer Salonwagen auf dem Streckennetz der Harzer Schmalspurbahnen GmbH.



Foto oben (Jürgen Steimecke): Seitenansicht des Salonwagens 900-457.
Foto unten (HSB): Innenraum des Salonwagens.





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